Geschreibsel

Weltenwandler

Mittendrin eingestiegen? -> Kapitel 1


Fröstelnd wache ich auf. Mein Rücken scheint in einem Kühlschrank gesteckt zu haben. Meine Vorderseite wurde von der lebenden Heizung warm gehalten. Ich lasse einen Spalt Licht in meine Augen dringen. Langsam gewöhne ich mich an die Helligkeit. Ich betrachte den Hund. Den Rest der Hundehütte füllt ein großer Hund, eine deutsche Dogge. Deshalb kam er mir gestern abend so riesig vor. Er ist riesig.
Plötzlich ertönt ein lautes Geräusch. Ich schrecke zusammen. Als es ein zweites Mal ertönt, verstehe ich, was es ist. Der Hund schnarcht lautstark. Obwohl es hell ist, ist das Verfolgungsgefühl immernoch vorhanden. Aber nach der verrückten Nacht kann ich mir das nicht verübeln, wobei ich mich trotzdem nicht so heftig erschrecken hätte müssen. Ich krabbel Richtung Hundehüttenausgang. Dabei lasse ich mich so leicht wie möglich über die Dogge gleiten. Ich bleibe am Halsband hängen. Aber es ist keine Halsband. Es ist ein Halstuch. Ich befühle es und merke, dass es graviert ist. Auf dem Halstuch steht: „Sabberbacke Odin“ „Hi, Odin. Danke für deine Hilfe! Aber ich muss jetzt gehen.“, flüster ich in sein angehobenes Ohr und streichel ihm über den Kopf.
Nach einem weiteren halben Meter Gekrieche stecke ich meinen Kopf aus der Öffnung der Hütte. Nicht einmal eine Sekunde ist er draußen, da zieh ich ihn hastig wieder ein. Eine Frau in den Dreizigern läuft auf dem Gartenweg zum Briefkasten. Vorsichtig schaue ich wieder hervor. Am Briefkasten steht eine etwas jüngere und wesentlich hübschere Frau. Sie scheinen über Belangloses zu tratschen. Ihr Gespräch sieht wie jedes andere Gespräch aus. Aber etwas irritiert mich. Die Mimiken beider wirken künstlich. Hinter der Körpersprache scheint keinerlei Gefühl oder Ehrlichkeit zu stecken. Bin ich etwa in so einer Gegend gelandet, wo alle nur Freundlichkeit gegenüber den Nachbarn schauspielern? Es gibt darüber einige Serien, aber ich bin in einem ganz anderen Bezirk aufgewachsen. Dort ist es entweder ernsthaftes Interesse, wenn man miteinander spricht oder man ignoriert den Gegenüber. Aber am meisten irritiert mich, dass die Mimik und Gestik von beiden grottenschlecht geschauspielert wird. Vielleicht sind sie auch nicht begabt. Das kann mir eigentlich egal sein. Wichtig für mich ist jetzt, hier weg zu kommen.
Ungeduldig warte ich auf die Verabschiedung der beiden. Ich robbe in die Mitte der Hütte zurück und drücke die Daumen, dass sie mich nicht bemerkt. Ich stoße gegen Odin. Das Schnarchen hört abrupt auf. Verschlafen schaut er zu mir auf. Sein Kopf hebt sich und schmiegt sich an mich. Sanft streichel ich über seine Stirn. Die Schritte der brünetten Hauseigentümerin werden lauter. Sie kommt auf die Hundehütte zu. Jetzt sind sie genau neben der Längsseite zu hören. Unerwartet springt Odin auf. Er sprintet aus der Hütte. Ich höre, wie er freundlich bellend zur Brünetten läuft. Aber keine Reaktion ist zu erkennen – kein Wort, kein Stoppen der Schritte. Ich schleiche mich aus der Hütte und kann es kaum fassen. Odin springt freudig erregt neben ihr entlang. Sie geht unbeeindruckt zur Tür. Er wird komplett von ihr ignoriert. „Mam?“, rufe ich ihr hinterher,“Mam? Hallo?“ Auch mich würdigt sie weder eines Blickes noch eines Wortes. Während sie die Haustür öffnet, klopfe ich ihr auf die Schulter. Nichts passiert. Was läuft hier? Die Brünette tritt ins Haus ein und schließt die Tür hinter sich. Bevor sie diese richtig geschlossen hat, halte ich meine Hand dagegen, damit die Tür einen Spalt offen bleibt. Ohne darauf zu achten, geht sie ihren Weg weiter. Neben mir steht Odin und schleckt meine Hand, sodass sie vor Speichel tropft, ab. Ein liebevolles Tätscheln des Kopfes gebe ich zurück. „Ich versteh das auch alles nicht. Hast du Hunger?“, richte ich mich an ihn.
Ich trete in das Haus ein. Es ist wohnlich eingerichtet. Der Flur ist offen geschnitten und endet in einem Wohnzimmer mit offener Küche. Alle Wände und Möbel sind in helle Farben getaucht. Die großen Fenster lassen alles durch die Mittagssonne erleuchten. Der Boden ist zwar dunkel, aber mit einem edlen, dunklen Anthrazit eingerichtet. Er fühlt sich warm an. Die kleinen Dekorationen, die liebevoll und mit Konzept verteilt sind, begrüßen mich und wecken ein Gefühl von Geborgenheit. Ich gehe in Wohnzimmer und wende mich dann Richtung Küche. Hellblau und Gelb, wie es der Strand hervorbringt, geben ein Urlaubsgefühl. Kleine Muscheln und Seesterne sind als Dekoration untergebracht. Die Küchenzeile ist klein, aber wundervoll eingerichtet. Innnerhalb von Sekundenbruchteilen macht mich Odin auf seinen Napf mittels Hin- und Herschieben aufmerksam. Schnell öffne ich alle Schränke. In dem rechten, unteren Schrankteil finde ich sein Futter und fülle es ihm ein. Gierig macht er sich darüber her. Von seinem Schmatzen überkommt mich ein tiefes Hungergefühl. Wie lange hab ich eigentlich nicht mehr gegessen?
Als ich die Cornflakespackung aus einem der oberen Schränke nehme, raschelt diese laut. Ertappt drehe ich mich um. Tatsächlich erscheint die Frau plötzlich im Wohnzimmer und geht auf mich zu. „Entschuldigen Sie, ich möchte nichts klauen. Ich bin nur am Verhungern.“, stammel ich. Keine Reaktion. Sie läuft an mir vorbei, schüttet sich einen Kaffee ein und verschwindet wieder. Das ist schon irgendwie gruselig. Aber bevor ich mich tiefer in meine Gedanken verheddern kann, meldet sich mein Magen wieder.
Nach meiner Stärkung schaue ich mich weiter in dem Haus um. Ein Autoschlüssel liegt auf der Küchentheke. Ich durchwühle die Schränke, sowohl in der Küche wie auch im Flur. Ein Rucksack fällt mir in die Hände. Dort packe ich zunächst Essen und Trinken ein. Die zweite Tür, die ich öffne, ist die vom Badezimmer. Ich durchsuche es nach Pflastern, Wundsalbe und anderen wichtigen Sachen. Alles stopfe ich in meinen Rucksack. Als letztes hole ich mir den Autoschlüssel.
Ich gehe konsequent zur Haustür. Doch dann bleibe ich stehen. Ich habe einen Schatten. Postwendend drehe ich mich um. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Es ist Odin.“Überzeugt. Ich nehm dich mit. Aber benimm dich!“, lächel ich ihn an. Als ich aus der Haustür trete, schaue ich mich nochmal in der Gegend um. Niemand ist auf der Straße. Mit wenigen Schritten bin ich bei der Garage. Das Tor steht offen. Ein neuer Geländewagen glänzt im einfallenden Sonnenschein. Wenigstens etwas positives passiert mir mal. Bin ich nicht eine Diebin, wenn ich den mitnehme? Die Frau kommt zu uns in die Garage. Wieder sind wir nur Luft. Sie holt ihr Fahrrad und fährt weg. Wie soll ich eine Diebin sein, wenn ich Luft bin?
Ich schließe das Auto auf und schmeiße den Rucksack rein. Eilig laufe ich nochmal in die Küche und hole die Futtertüte. Ich gehe gerade wieder zum Wagen, da geht ein Mann geradewegs auf mich zu. „Entschuldigen Sie, Sir.“ rufe ich ihm zu. Wieder werde ich ignoriert. Mit dem schweren Futtersack laufe ich auf ihn zu. Er schaut zur Garage:“Wer hat bloß das Garagentor aufgelassen?“ Brummelnd schließt er es. Er dreht sich zur Haustür um. Während er einen seiner ersten Schritte darauf zumacht, rempelt er mich mit voller Kraft an. Ich kann mich mit dem Zusatzgewicht nicht halten und lande im Blumenbeet. „Passen Sie doch auf!“, zische ich ihn an. Ignoranz schlägt mir entgegen. Das darf doch nicht wahr sein! Ich bin doch nicht aus Luft… Was soll bloß dieser verdammte Mist!?
Ich rappel mich auf. Das Tor öffne ich scheppernd und mit genauso viel Energie hieve ich den Futtersack ins Auto. Als ich die Fahrertür für mich öffne, springt Odin selbstverständlich ein. Er rutscht einen Platz weiter. Erwartungsvoll schaut er mich an, als sollte ich ihm meinen Plan verraten. Aber ich habe keinen. Ich fahre einfach los und hoffe, dass sich bald etwas aufzeigen wird. Odin hält seinen Kopf aus dem Fenster. Seine Zunge schlackert im Wind.
Mir fällt auf, dass irgendwas komisch riecht. Ich schnüffel an mir. Puh, ich stinke schon sehr. Ich sollte nun nach Hause. Neue Klamotten müssen drin sein. Das gestrige Geschehen habe ich nicht geträumt. Er hat mich schon mal zuhause gefunden. Deshalb sollte ich nur Sachen holen, die mir wichtig sind und dann muss ich ein vorläufiges Zuhause für uns zwei finden. Lohnt es sich nochmal nach Hause, auch wenn der Mann es kennt? Aber ich habe jetzt Odin. Er kann mich beschützen. Ich möchte wenigstens ein Andenken an meine Familie. Versuchen muss ich es wenigstens.
Erst als ich meine Konzentration von auf die Straße lenken kann, fällt mir auf, dass auch hier etwas nicht stimmt. Jeder hält sich an die Verkehrsregeln. Jeder hält den gleichen Abstand. Jeder beschleunigt wie der vor ihm. Sie können sogar richtig den Reißverschluss anwenden. Was ist mit der Welt passiert?

Kommentar verfassen