Nein. Beine, wehe ihr versagt. Auf Wackelpuddingstelzen laufe ich durch die Straßen. Ich weiß, er ist hinter mir. Er wird mich noch einholen. Die Straßen sind menschenleer. Wo sind die ganzen Partyverrückten, wenn man sie mal braucht? Ich drehe mich hastig um mich selbst. Niemand. Einfach niemand! Innerlich brodele ich vor Verzweiflung. Den Schrei unterdrücke ich lieber. Er ist mir auf den Fersen und ich sollte ihn nicht noch Anhaltspunkte liefern…
Mein Atem geht schwer. Wie lange laufe ich jetzt schon? Auf jeden Fall mehr als meine morgendlichen 5 Kilometer. Hilfe. Ich brauche Hilfe. Ich höre noch kaum was außer meinen rasselnden Atem. Bald klappe ich zusammen. Vielleicht ist das auch besser. Vielleicht findet er mich nicht. Vielleicht tötet er mich nicht.
Ich schnaufe wie eine Dampflok. Meine Füße treten nicht mehr federleicht auf. Angst, Verzweiflung und meine schnell sinkende Energie lassen sie bleischwer werden. Ich will doch einfach nur nicht sterben. Bitte. Ich will nicht sterben!
Ich spitze die Ohren. Aber ich höre ihn nicht. Wieso ist er hinter mir her? Ich habe schon öfter von diesen Serienmördern gehört. Aber es waren immer Unbekannte, die man nur mal im Fernsehen gesehen hat. Warum läuft so ein Verrückter hinter mir her?
Gedankenverloren strauchel ich. Ich kämpfe um mein Gleichgewicht. Nebenbei werde ich immer langsamer. Es ist vorbei. Wie soll ich bloß ihm davon kommen? Aaaaah. Mein blöder rechter Fuß. Wie kann man sich auch bloß vertreten?! Reiß dich zusammen. Der Vorsprung schwindet. Habe ich überhaupt Vorsprung? Ein Schauer läuft meinen Rücken runter. Er ist bestimmt nur ein Stück hinter mir. Wieso versuche ich das Unvermeidliche herauszuzögern? Ich foltere mich doch nur selbst. Dieser blöde Fuß! Ich hinke weiter, versuche den rechten Fuß zu entlasten.
Ein letzter Versuch. Los, trau dich. Wenn dir doch jemand hilft, bist du in Sicherheit. Schnell humpel ich zum dreistöckigen Haus links neben mir. Ich hämmer gegen die Tür. Meine Schläge klingen leise. Ich lege nochmal meine ganze Energie rein. „Hilfe! HILFE!“ Wie war das als Kind? „FEEEEUUUUEEER“ Niemand rührt sich. Meine Wut steigt. „Machen sie diese verdammte Tür auf!“, schreie ich aus voller Kehle.
Auf einmal Licht. Licht auf der unteren Etage. Das Fenster neben mir ist auf einmal hell erleuchtet. Eine Frau stellt sich davor. Sie starrt nur heraus. Sie starrt durch mich durch. „Hallo? Ich brauche Hilfe.“, meine Stimme bricht. Keine Reaktion von ihr. „BITTE!“ Ich kann nicht mehr. Was stimmt mit der Frau nur nicht? Wenn ich sie mir genau ansehe, so gerade stehend, so ausdruckslos, als wäre sie an nichts interessiert, errinnert sie mich an einen Roboter. „Verdammt, MACHEN SIE WAS!“ Meine Stimme schwankt zwischen Wut und Verzweiflung hin und her. Ich höre nochmal nach meinem Verfolger. Ich kann ihn nicht hören, aber dafür höre ich den Hall meiner Stimme. Er weiß also, wo ich bin. Ein verzweifelter Blick werfe ich noch zur Frau. Aber die reagiert immer noch nicht.
Plötzlich ertönen Schritte. Ganz leise. Sie sind kaum wahrnehmbar. Aber sie werden lauter. Sie kommen auf mich zu. Jeder Schritt schnürrt meine Kehle weiter zu. Die Luft wird breiig. Sie will kaum mehr in meine Nase. Vergessen streiche ich über den Schnitt an meinem Unterarm. Schmerz durchfährt meinen Körper. Ich bin froh, nur eine große Wunde davon getragen zu haben. Denn ohne diese wäre ich jetzt tot. Als mich der Verfolger angriff, hob ich meinen rechten Arm. Die Schmerzen waren unbeschreiblich, als seine Messerklinge in mein Fleisch eingedrungen ist. Auf meinen Arm folgte ein riskante Drehung. Wäre er schneller gewesen, hätte ich die Klinge im Rücken gehabt, aber ich konnte entkommen.
Bis jetzt. Denn er kommt zu mir. Mein Lunge fühlt sich an, als würde sie bei nächster Anstrengung zerbersten. Meine Füße sind so schwer, dass ich sie kaum heben kann. Das liegt aber auch an meinen Gummibeinen. Aber will ich sterben? Nein. Oh man, so sterbe ich bestimmt. Will ich sterben? NEIN! Ich raffe mich nochmal auf. Mehr schleichend als gehend lasse ich die nächsten Häuser hinter mir. 14. Haus, 15. Haus. Wohin soll ich gehen?
Meine Beine tragen mich weiter. Ich gebe immer mehr auf. Ich entkomme ihm nicht. Ich weiß gar nicht wie. 20. Haus. Ich höre, wie er näher kommt. Ich schleppe mich dahin.
Dann ist der Boden senkrecht. Hä? Ich schlage auf. Meine ganze Vorderseite brennt und schmerzt. Ich raffe mich auf. Meine Arme lassen nach und ich lande wieder auf dem Boden. Stöhnend rappel ich mich wieder auf. Ich spüre den Bordstein. Stolperfallen kann mein Körper anscheinend nicht mehr verkraften.
Die Schritte werden immer lauter. Ich schaue mich um. Die Straße links ist voller Familienhäuser. Ich versuch es einfach da. Ich schleiche die letzten 10 Meter zur Biegung. Familienautos, verputze und verklinterte Häuser säumen die Straßenseiten. Vorm nächsten Haus ist etwas. Ich bewege mich darauf zu. Es ist eine Hundehütte. Es ist Boden. Mein Kopf und Körper dröhnen vor Schmerz. Diese verdammten Bordsteinkanten…
„Hallo? Ich kann Ihnen helfen. Wo sind sie?“, ruft eine Männerstimme. Ich habe keinerlei Ahnung, wie die Stimme meines Verfolgers klingt. Aber mein Bauchgefühl sagt, dass er es ist. Langsam krabbel ich auf die Rettung zu. Mir egal, ob er mich in der Hundehütte findet. Ich will nur noch schlafen. Ich bin bei 1 % Restenergie angekommen. Wenn er mich jetzt findet, bin ich wehrlos. Ich will nur Sicherheit.
Ein Gedankenfetzen taucht auf. Was ist, wenn dort ein Hund drin liegt? Ich weiß nicht, ob er sein Heim beschützt. Ich lege mich auf den weichen Rasen. Meine Hände durchsuchen flink die Taschen. Flink sieht wahrscheinlich wie in Zeitlupe aus, aber ich finde einen angebissenen Schokoriegel. Ich reiße ihn aus der Tasche. Langsam krabbele ich auf die Hütte zu. „Hey, Hundi, schau mal.“, flüstert meine Stimme. Sie ist wie ein Windhauch.
Eine dicke Schnauze kommt aus der Dunkelheit der Hundehütte. Die große, feuchte Nase stößt gegen meine Hand. Ich öffne meine Hand. Vorsichtig wird mit spitzen Zähnen mein Bestechungsversuch angenommen. Ich nehme meine letzte Kraft zusammen und krabbel über den Hund. Am Ende der Hütte rolle ich mich zusammen. Die Rute schlägt mir ins Gesicht.
„Fräulein? Wo sind Sie?“ Ein Schauer durchläuft meinen ganzen Körper. Es hört sich an, als wäre er nur einige Meter entfernt. Dann beginnt tiefes Knurren und Bellen. Pure Agression sprüht vom Hund aus. „Halt die Schnauze. Abschaum kann mir gestohlen bleiben.“, sagt die Männerstimme. Seine Stimme grollt herablassend. Die Männerstimme erzählt noch mehr, aber ich verstehe sie nicht, denn das Knurren ist so laut wie Donner. Ich bin zu einer Salzsäule erstarrt. Zusammengekauert liege ich am Hundepo. Nach einer gefühlten Stunde senkt sich die Lautstärke des Knurrens, bis es verstummt. Ich bekomme meine Augen zwar schon nicht mehr auf, aber ich nuschel „Danke“ in das Fell. Die Körperwärme nimmt mich ein. Seine Zunge bewegt sich über meine Hand. Ich will ihn noch streicheln, aber langsam versinke ich… im… Schlaf…

Ähnlicher Beitrag:  Weltenwandler